GER 61 in Perth – Neue Richtlinie determiniert Olympia Qualifikation

Es gibt so viele Einzelheiten zu unserer Olympiaqualifikation, dass wir euch gerne detailliert schildern möchten was in Australien aus unserer Sicht geschehen ist:

Im November reisten wir in Australien an um uns an den Wind ,den bekannten „Fremantle Doctor“, zu gewöhnen. Unser Ziel war es den Rückstand von zwei Punkten in der Olympiaqualifikation auf unsere Konkurrentinnen, Kathrin Kadelbach und Frederike Belcher (GER 21) aufzuholen. Um dies erreichen zu können, mussten wir zum einen unter die ersten 18 Plätze segeln, zum anderen GER 21 mindestens zwei Plätze hinter uns lassen. Gleichzeitig verlangte der Qualifikationsmodus eine Platzierung unter den ersten 14 Nationen um die Olympia Norm zu erfüllen.

Mit dem Startschuss zur WM waren wir top motiviert. Ein sechster und ein vierter Platz an den ersten zwei Tagen zeigten, dass unser Ziel in greifbare Nähe rückte. Nach vier Wettfahrten lagen wir mit 30 Punkten vor GER 21 auf Platz 11.

Der dritte Regattatag sollte zum Wendepunkt der WM werden. In der Vorstartphase zum fünften Rennen führte GER 21 eine Protestsituation herbei, während wir auf Steuerbordbug einen Startlinienplatz suchten. Drei Minuten vor dem Start waren wir deshalb gezwungen zu kringeln. Nachdem wir uns bereinigt hatten, folgten uns die Mädchen nun auf Schritt und Tritt und versuchten uns gezielt an einem guten Start zu hindern. Im fünften Rennen kamen wir trotzdem mit einem guten Ergebnis ins Ziel: wir mussten weit links starten um GER 21 zu entkommen, jedoch setzten unsere internationalen Konkurrentinnen auf die rechte Startseite. Wir hatten Glück, denn es ergab sich, dass die linke Kreuzseite besser war. Obwohl GER 21 uns jeden Schlag deckte, kamen wir durch eine gute Kreuztaktik beide unter den Top 10 an der Luvtonne an. Wir wurden 11. und GER 21 sechste. Für sie war es die Beste und die einzige Wettfahrt bei dieser Weltmeisterschaft unter den Top 10. In den folgenden Rennen verschärfte sich die Situation zunehmend. Jetzt wurden wir nicht nur mehr am Start permanent bedrängt ,sondern während den gesamten folgenden Rennen systematisch ausgebremst, nicht zu verwechseln mit herkömmlichen abdecken. Dies führte soweit, dass GER 21 auf der Kreuz umdrehte und uns erneut in die Zange nahm, mit dem Ziel unsere Platzierung weiter zu verschlechtern. Die anderen 470er Seglerinnen und Trainer schauten dabei nur kopfschüttelnd zu.

Diese taktische Methode, Match Race, ist eine Form von Segeln bei der es darauf ankommt vor einem einzigen Gegner im Ziel zu sein. 470er Segeln gehört jedoch zum Fleet Race und wir müssen unsere Aufmerksamkeit allen Teilnehmern widmen. Durch das uns aufgezwungene Match Race war es uns nicht mehr möglich uns vorrangig auf die Regatta zu konzentrieren, vorteilhafte Startpositionen zu erarbeiten und frei zu segeln.

Am vierten Renntag segelten wir auf dem Central Course, der Regattabahn, die direkt neben der Mole des Perth Royal Yacht Club liegt. Experten konnten beobachten, wie uns GER 21 von der Startlinie abdrängte und uns daran hinderte rechtzeitig zu starten.

An diesem Tag rutschten wir durch die Plätze 25 und 34 vom 11. auf den 20. Rang ab.
Nicht nur der Traum vom Medal Race war nun geplatzt sondern auch die Nationenqualifikation war in ernsthafter Gefahr.

Am Abend entschlossen wir uns zu einem Protest gegen GER 21 auf Grund von Regel 2: „Unfaires Segeln“. Dies war die einzige Chance diese, aus unserer Sicht unfaire Art des Segelns nicht kampflos hinzunehmen. Nachdem wir am Abend zuvor die verantwortliche Sportdirektorin des DSV zum Qualifikationsmodus befragt hatten, wurde uns folgendes bestätigt: sollte weder GER 21 noch wir (GER 61) die Nationenqualifikation der ISAF (Top 14 Nationen) erfüllen, wäre die bisherige DOSB-Norm nicht mehr für die Olympiaausscheidung 2012 relevant. Die Entscheidung zwischen den zwei Teams würde dann durch das Ergebnis bei der WM 2012 fallen. Basierend auf dieser Aussage bauten wir unseren Protest auf. Tina war sehr überrascht als Frau Kadelbach unsere Sportdirektorin als Zeugin aufrief. Letztere sagte aus, dass der Qualifikationsmodus auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden kann, konnte aber selbst nicht klarstellen welcher Interpretationsansatz Gültigkeit trägt. Frau Kadelbach bestand auf folgende Auslegung: sollte weder GER 21 noch wir (GER 61) die Nationenqualifikation der ISAF erfüllen, würde nur das bessere Team der DOSB-Norm für die olympischen Spiele gesetzt werden, egal welches Team gegebenenfalls die Nationenqualifikation der ISAF bei der WM 2011/2012 erfüllt.

Der Protest wurde abgelehnt.

Noch vor drei Wochen wäre dieser Fall von der Jury für uns entschieden worden. Erst am 28. November, fünf Tage vor Beginn der WM, wurde der Q & A so geändert, dass Match Racing gegen ein anderes Boot erlaubt ist, sofern daraus Vorteile für den Angreifer entstehen. Q & A´s sind keine festen Regeln sondern nur eine meinungsbildende Unterstützung für die Jury, Sonderfälle richtig zu bewerten.
Gehen wir davon aus, dass der Erstplatzierte auf der letzten Kreuz den Zweitplatzierten in Form von Match Race Taktiken absichert, ist es sicherlich eine übliche und anerkannte Taktik, die noch nie angezweifelt wurde.

Wenn aber ein Boot im Fleet Race über mehr als die Hälfte der Wettfahrten so behindert wird, dass es am eigentlichen Rennen gar nicht mehr teilnehmen kann, ist die Auslegung der Q & A und somit die Entscheidung der Jury aus unserer Sicht falsch.

Der DSV Olympiaqualifikationsmodus wurde unter dem vorherig geltenden Q&A geschrieben. Match Race Taktiken waren zu diesem Zeitpunkt von der ISAF ausgeschlossen und wurden daher auch nicht im Olympiaqualifikationsmodus des DSV berücksichtigt. Wir wissen bis heute nicht warum die ISAF die Q & A so kurzfristig vor der Weltmeisterschaft änderte und warum diese wichtige Änderung die unseren gesamten Qualifikationsmodus auf den Kopf stellt, uns weder von Seiten des Bundestrainers, noch vom DSV mitgeteilt wurde. Wir fragen uns wieso von Seiten des DSV nicht reagiert wurde, obwohl uns dieser versicherte bei einer erheblichen Verfälschung des Ergebnisses durch die Match Race Taktik von GER 21 einzugreifen.

Auf unsere Bitte die Interpretation des Qualifikationsmodus endgültig zu klären veranlasste der Vizepräsident des DSV eine Blitzumfrage im OSA. Das klärende Schreiben erhielten wir am Morgen des letzten Regattatages (noch 2 zu segelnde Wettfahrten). Die abschließende Erläuterung entsprach der Auslegung von GER 21.

Damit wurde uns die Möglichkeit genommen uns noch durch die WM 2012 zu qualifizieren. Laut unserer Auffassung und entsprechend des Qualifikationsmodus war der einfachste Weg für GER 21 sich für die olympischen Spiele zu qualifizieren, ohne ein eigenes gutes Resultat, uns aus dem Rennen zu nehmen. Unserer Meinung nach war durch die abschließende Auslegung des Qualifikationsmodus im Hinblick auf die kurzfristige Änderung der Q & A keine Chancengleichheit mehr gewährleistet, denn wir hätten ein gutes Ergebnis bringen müssen, GER 21 hingegen musste nur unser gutes Ergebnis verhindern.
Andere Nationen hatten dieses Problem des internen Match Race nicht, da es vom nationalen Verband ausdrücklich verboten ist. Segler aus der eigenen Nation nach hinten zu segeln wird in diesen Ländern grundsätzlich ausgeschlossen und mit einer Sperrung für die Meisterschaft bestraft. Eine Situation, wie es sich beispielsweise in der neunten Wettfahrt abgespielt hat wäre nie eingetreten: GER 21 deckte uns über die gesamte Wettfahrt so, dass beide deutschen Teams auf die letzten Plätze zurückfielen. Im letzten Rennen war für uns bereits alles verloren, so konnten wir endlich frei von GER 21 segeln und erzielten einen guten 9. Platz und holten damit für GER 21 die Nationenqualifikation.

Was wäre gewesen wenn wir Kadelbach/Belchers Teilnahme an den Olympischen Spielen verhindert hätten, indem wir nicht durchs Ziel gefahren wären und entsprechend bei der WM in Barcelona 2012 die gleiche Match Race Taktik anwenden würden?

Neben den Regeln, unserem sportlichen Ehrgefühl, unserm Verständnis von Fairness und der olympische Gedanke, schließen so ein Verhalten für uns aus.

Für uns hat diese WM absehbare Konsequenzen: durch das schlechte Ergebnis in Perth haben wir nicht nur das Olympiaticket verloren sondern auch unseren B-Kader Status im kommenden Jahr und damit die uns zur Verfügung stehenden Fördermittel.

Macht eine erneute Olympiakampagne mit den gleichen Regeln sinn, wenn das gute Ergebnis des einzelnen Seglers im Hintergrund steht? Hier besteht aus unserer Sicht Nachholbedarf seitens der verantwortlichen Stellen.

Ist das Fairplay und im Sinne des olympischen Gedanken? Wir denken nicht. Trotz all dem bleibt Segeln unsere Leidenschaft und die olympischen Spiele unser Ziel.

Über konstruktive Beiträge freuen wir uns sehr.

Eure Tina & Sanni (GER 61)

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